Der Begriff Selbstregulation, auch Homoiostase, Homeostase, Homöostasis, Homöodynamik und Homöostase (griechisch ὁμοιοστάση – Gleich-Stand) bezeichnet ein interdisziplinäres Modell zur Erklärung des Verhaltens natürlicher und technischer Systeme, das der Systemtheorie und Kybernetik zugrunde liegt. Das Konzept der Homöostase wurde um 1860 von dem Physiologen Claude Bernard beschrieben und der Begriff 1929 und 1932 von Walter Cannon und von Karl Ludwig von Bertalanffy geprägt.[1] Es wird in zahlreichen Disziplinen wie zum Beispiel in der Physik, Biologie, in den Wirtschaftswissenschaften, der Soziologie, der Psychologie oder in der Rechtswissenschaft angewendet. Inhaltsverzeichnis 1 Verwendung nach Themengebiet 1.1 Physiologie 1.2 Sozialwissenschaften 1.3 Biologie 2 Literatur 3 Siehe auch 4 Einzelnachweise Bearbeiten Verwendung nach Themengebiet Bearbeiten Physiologie In der Physiologie ist der Begriff der Homöostase als Konstanterhaltung eines inneren Milieus (Soll-Zustand) definiert, der durch Regelung zustande kommt. Das Grundprinzip der Regelung (im Vergleich zur Steuerung) basiert auf der Rückmeldung der Abweichung des Sollwertes vom Istwert, damit das System das angesteuerte Ziel erreichen kann. Rainer Klinke und Co-Autoren[2] veranschaulichen diesen Zusammenhang an folgendem Beispiel: Mit Steuerung ist das gemeint, was ein Seemann macht, wenn er das Schiff in die Himmelsrichtung steuert, in der das Ziel liegt. Das ist allerdings nur in dem wenig realistischen Fall möglich, in dem keine störenden Hindernisse, Strömungen und veränderte Windrichtungen auftreten. Vielmehr muss der Kapitän wiederholt die tatsächliche mit der gewünschten Position vergleichen und so den Kurs korrigieren. Diese Ergänzung der Steuerung durch Rückmeldung des Erreichten nennt man Regelung. Erfolgt die Vorgabe des Sollwertes von außen, muss sich das System durch eine Verhaltensänderung anpassen, es muss lernen. Eine andere Form des Lernens liegt vor, wenn Systeme ihre Sollwerte aus der Veränderung des Umfeldes ableiten. Dazu benötigen sie einen Speicher bzw. ein Gedächtnis für Erfahrungen, den sie für künftiges Verhalten nutzen. Somit umfasst der Begriff Selbstregulierung nach Eran Magen und James Gross die Fähigkeiten, (1) selbstständig Ziele zu setzen, (2) den Unterschied zwischen Soll- und Istzustand festzustellen, (3) geeignete Aktionen zu planen, auszuwählen und auszuüben, (4) für entsprechende „Belohnungen“ zu sorgen und schließlich (5) das System mit der erforderlichen Energie auszustatten (Aktivierung). Beispiele für die praktische Anwendung dieses Prinzips auf menschliches Verhalten sind die Konzepte der Volition in der Psychologie und im Management.[3] Bearbeiten Sozialwissenschaften Im Falle sozialer Systeme haben Niklas Luhmann, Francisco Varela und Humberto R. Maturana dafür plädiert, den Begriff Homöostase durch den Begriff Homöodynamik zu ersetzen, da die Stasis einen Stillstand und damit den Tod eines (selbstregulierenden) Systems bezeichnen würde. Um die Selbstregulierung als Fähigkeit empirisch prüfbar und messbar zu machen, hat Frederick Kanfer im Jahr 1970 das erste so genannte Selbststeuerungs-Inventar entwickelt. Er geht davon aus, dass das Selbstregulierungssystem immer dann einsetzt, wenn eine Person ein Ziel erreichen will und auf diesem Weg Hindernisse auftreten. Es ist vergleichbar mit den steuernden und korrigierenden Aktivitäten eines Lehrers, der Eltern oder eines Versuchsleiters. Die Hauptkomponenten dieses Systems sind Selbstbeobachtung, Selbstbewertung und Selbstbekräftigung oder Selbstkonsequenz.[4] Bearbeiten Biologie Selbstregulation ist ein grundlegendes Funktionsprinzip (Homöostaseprinzip) lebender Organismen. Sie findet z.B. in der Physiologie des menschlichen und des tierischen Körpers fortlaufend statt, meist bei Veränderung statischer Zustände und von uns unbemerkt. Beispiele sind: Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz beim Wechsel von liegender in stehende Position Vermehrte Atmung bei körperlicher Anstrengung, um dem Körper mehr Sauerstoff zuzuführen Bei Hypoglykämie (Unterzuckerung) setzt der Körper drastische Selbstregulationsmechanismen in Kraft (z.B. Ausschüttung von Adrenalin, mit der Folge von Zittern und starkem Schwitzen), um die Glukosekonzentration aufrecht zu erhalten und einen drohenden hypoglykämischen Schock zu verhindern. Bearbeiten Literatur Roy F. Baumeister, Kathleen D. Vohs (Hrsg.): Handbook of self-regulation, research, theory and applications. Guilford Publications, New York 2004, ISBN 1-572-30991-1. Joseph P. Forgas u.a. (Hrsg.): Psychology of Self-Regulation. New York 2009. Rick H. Hoyle (Hrsg.): Handbook of Personality and Self-Regulation. Blackwell Publishing, 2010. Jörg Martin, Jörg Hardy, Stephan Cartier (Hrsg.): Welt im Fluss. Fallstudien zum Modell der Homöostase. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-515-08980-7. Bearbeiten Siehe auch Gegenkopplung Mitkopplung Selbstmanagement Superkompensation Synergetik Umsetzungskompetenz Bearbeiten Einzelnachweise ↑ Hans Joachim Flechtner: Grundbegriffe der Kybernetik. Hirzel Verlag: 1972 ↑ Klinke, R./Pape, H.-C., Silbernagel, S. (Hrsg.): Physiologie, 5. Auflage, Stuttgart/New York 2005 ↑ Eran Magen & James Gross: The cybernetic process model of self-control und Paul Karoly: Goal systems and self-regulation, in: Rick H. Hoyle (Hrsg.) Handbook of Personality and Self-Regulation, Blackwell Publishing: 2010 ↑ Frederick Kanfer: Sebstregulation und Verhalten, in: Heinz Heckhausen u.a., Jenseits der Rubikon: Der Wille in den Humanwissenschaften, Berlin u.a., 1987, S. 276



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